Das Archivale des Monats März:

Ämterweise: ‚Begleitbericht zur Finanzstatistik 1927‘ (Akte der Kämmerei)

AdM Ämterweise März 2020© Kupferstadt Stolberg Ämterweise stellt das Stadtarchiv Stolberg Archivalien vor, die
aus den unterschiedlichen Ämtern und Abteilungen der Kommunalverwaltung
überliefert sind. Das amtliche Schriftgut stelltden Kernbestand öffentlicher Archive dar und bildet somit den Hauptteil archivischer Überlieferung und historischer Forschung. Das dreiseitige handschriftliche Dokument der Kämmerei-Akte ST 1077 der ehem. Gemeindeverwaltung Büsbach vom April
1929 enthält einige Informationen über die wirtschaftliche Lage der Gemeinde im Jahr 1927. Seit Kriegsende stand die Gemeinde unter erheblichem Druck: Streiks, mangelhafte Ernährungslage, Unruhen, Arbeitslosigkeit, Entlassungen, Werksschließungen, Niedriglöhne, Geldentwertung und Plünderung von Feldfrüchten waren verbreitete Phänomene. Münsterbusch war der bedeutende Industriestandort der Gemeinde, die seit 1922 von Bürgermeister Peter Frühauf geleitet wurde. Unter „No. 2. Einnahmen aus Schuldenaufnahme“ sind für 1927
193.838 Reichsmark an neuen Schulden vermerkt, die etwa einen heutigen Gegenwert von 775.000 Euro haben. Verwendung fanden diese Mittel für die Umsetzung von Notstandsarbeiten, die die hohe Arbeitslosigkeit wie die soziale Not erforderten. Wesentlich waren die „Errichtung eines Schulhausneubaues“,
die „Errichtung eines Jugendheimes“, die „Anlage eines Sportplatzes“, die „Errichtung von Siedlungsbauten“ sowie vor allem die „Anlage von Straßen“.
„Die finanzielle Lage der Gemeinde hat sich 1927 weiterhin verschlechtert“, heißt es auf S. 3 des Berichts. Die Realsteuern mussten erhöht werden: die Grundvermögenssteuer von 125 auf 165 Prozent, die Gewerbekapitalsteuer von 1350 auf 1850 Prozent und die Gewerbesteuer von 500 auf 600 Prozent. Zum Vergleich erhebt die Kupferstadt Stolberg heute 495 Prozent Gewerbesteuer (Hebesatz). Weiter heißt es, „die Zahl der Erwerbslosen ist dauernd im Steigen begriffen“. Die Gemeinde Büsbach zählte etwa 9000 Einwohner. Zwanzig Betriebe waren bereits geschlossen worden, wurde dokumentiert, und dadurch verloren 522 Arbeiter ihren Lebensunterhalt. 19 weitere Betriebe hatten „Einschränkungen vorgenommen und 361 Arbeiter für dauernd entlassen.“ Stolberg hatte zur gleichen Zeit bei etwa  17.000 Einwohnern 1800 Arbeitslose. In der gesamten Republik
war die Zahl 1927 von zuvor 2,3 Mio. auf 1,5 Mio. Erwerbslose zurückgegangen. Stolberg und Büsbach lagen gegen den Trend und weit über der landesweiten Arbeitslosigkeit. Die lokal über die gesamten 1920er Jahre andauernde wirtschaftliche Not war schwerwiegend und sollte sich 1929 nach diesem Bericht weiter extrem verschärfen. In einem Bericht der Stadt Stolberg heißt es 1931, „die im Herbst 1929 einsetzende Wirtschaftskrise hat sich im Verlauf des Jahres 1930 in einem Ausmaß verschärft, wie es nicht vorauszusehen war“. Die Gemeinde Büsbach versuchte, gegenzusteuern und „war daher gezwungen umfangreiche Wegearbeiten ausführen zu lassen, damit die Erwerbslosen wenigstens teilweise beschäftigt werden konnten.“ Die Arbeitslosenversicherung als Element der deutschen Sozialversicherung wurde schließlich gerade – und nicht zufällig – 1927 eingeführt. „Auch die große Wohnungsnot erforderte für ihre Bekämpfung enorme Mitte. Die Gemeinde war gezwungen, eine größere Anzahl Wohnungen zur Unterbringung an Obdachlosen herzustellen.“ Der finanzielle und soziale Druck auf die Gemeinden war immens. Kriegsfolgen, Reparationen, Hyperinflation und Weltwirtschaftskrise setzten besonders Industrieunternehmen, so auch in Büsbach und Stolberg, unter Druck. Gesellschaftliche und politische Verwerfungen waren die Folge. Das Stadtarchiv beherbergt und sammelt als Historisches Kompetenzzentrum und ‚Gedächtnis der Stadt‘ Akten, Urkunden, Bilder, Bücher, Zeitungen, Nachlässe und andere Sammlungen der Stadtgeschichte. Historische Unterlagen aus allen Stadtteilen stehen dort interessierten Bürgern für Forschung, Wissenschaft und Bildungsarbeit zur Verfügung.