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Veröffentlicht in: lokale Motivelemente und ihre überregionale Einordnung. von Friedrich Holtz Eingebettet in den Ausläufern der Eifelberge befinden sich im Süden Stolbergs Erzlagerstätten mit Zink- Blei- und Eisenerzen, die seit der Römerzeit für die Entwicklung der Region von entscheidender Bedeutung gewesen sind. Insbesondere die Zinkerze, und hiervon wiederum hauptsächlich die des Galmei-Types, stellten über Jahrhunderte einen prägenden, entwicklungsbestimmenden Standortfaktor dar. Auch wenn die Schürf- und Fördertätigkeiten längst aufgegeben worden sind, bestehen auch heute in Stolberg noch eine Vielzahl von metallverarbeitenden Betrieben, die ihre Entstehung den früher hier geförderten Erzmitteln zu verdanken haben. Es bestehen ebenfalls, und auch das sollte man in diesem Zusammenhang durchaus erwähnen, noch Altlasten und Umweltprobleme aus jener Zeit, die zukünftig wahrscheinlich noch einigen Anlaß zur Sorge geben werden.
Aber es gibt auch Überbleibsel ganz anderer Art, deren Wurzeln weit zurückreichen in die Frühzeit des hiesigen Erzabbaus. Und auch diese Überbleibsel geben in gewisser Weise Anlaß zur Sorge, weil sie (sehr im Gegensatz zu den Altlasten) dabei sind, von ganz alleine zu verschwinden und in Vergessenheit zu geraten. Im Bereich der oben erwähnten Erzfelder nämlich spukten, geisterten und vagabundierten in den Erzählgeschichten längst vergangener Tage immer wieder Zwergengestalten, die vor langer Zeit hier gehaust haben sollen. Ebenfalls gab es Geschichten um den Berggeist und um die untergegangene Bergbaustadt Gression mit ihrem "sagenhaften" Reichtum. Nachdem der Erzabbau im Stolberger Erzrevier seit gut 80 Jahren ruht, ist das Bewußtsein für diese Tradition und den damit verbundenen Erzählgeschichten weitestgehend verlorengegangen. Vor diesem Hintergrund ist allerdings hoffnungsfroh zu vermelden, daß die beiden Stolberger Museen (Zinkhütter Hof und Heimatmuseum) kürzlich erst eine Zwergengestalt mit Schlägel und Eisen aus der Taufe gehoben haben, die als lustiger Muntermacher und Sympathieträger einerseits die museumspädagogischen Aktivitäten beider Institutionen unterstützend begleiten und andererseits die montanhistorische Tradition des Stolberger Raumes wieder bewußt machen soll.
Die noch zu Anfang des 20. Jh. in den Stolberger Erzfeldern als Allgemeingut kursierenden Sagenmotive und Erzählelemente können einerseits als breiter Abriß dessen gelten, was auch in anderen, ebenfalls früh entstandenen Erzbergbauregionen des deutschsprachigen Raumes an Tradierungsmustern zu finden ist. Bei näherem Hinsehen jedoch unterscheidet sich die Stolberger Sagenlandschaft sowohl bezüglich der Entstehungshorizonte als auch hinsichtlich der tradierten Motivelemente z.T. recht deutlich von den klassischen Montanregionen, wie beispielsweise Erzgebirge oder Harz. Zum Wesen der Sagentradierung Der Archetyp der Sage im Allgemeinen - und somit auch der Bergbausage - wird u.a. von HEILFURTH, G. (1967) als kurzes, wenig ausgeschmücktes Erzählgebilde charakterisiert, welches idealerweise in seiner mündlich tradierten Fassung vorliegt oder als möglichst unverfälschte Aufzeichnung derselben erhalten ist. Obschon bei der Aufzeichnung und insbesondere bei der "Überarbeitung" des Sagengutes häufig ausschmückendes und/oder moralisierendes Beiwerk hinzugefügt wurde, lassen sich zu den meisten Sagenkomplexen schriftlich niedergelegte Versionen finden, welche den Originalfassungen weitgehend entsprechen. Dies ist insbesondere den Gebrüdern Grimm zu verdanken, die sich auch bei der Aufzeichnung von Sagen um Authenzität bemühten. Ihrem Beispiel folgten viele und glücklicherweise widerstanden manche der Versuchung, aus den einfachen Ereignis- und Stimmungsberichten spannende bzw. unterhaltsame Geschichten zu machen. Für den Stolberger Raum wäre in diesem Zusammenhang die mustergültig zusammengestellte Sagensammlung von HOFFMANN, G. (1914) zu nennen. Die über Generationen fortwährende Sagentradierung wird von HEILFURTH, G. (1967) u.a. durch den menschlichen Drang begründet, interessante bzw. außergewöhnliche Dinge zu erfahren und diese auch weiterzugeben. Insbesondere das Außerodentliche, das über die Alltäglichkeit sich erhebende, war prädestiniert, erzählt zu werden und dauerhaft in die Volkserinnerung einzugehen. Der Alltäglichkeit entrückt waren in ganz besonderer Weise Elemente und Aspekte des Übernatürlichen, die folglich auch in reichlichem Maße Teil der Sagentradierung gewesen sind. Sehr im Gegensatz zum Märchen, wurde die ganze Formenfülle der Sagen einschließlich der Elemente des Übernatürlichen mit einem gewissen Wahrheitsanspruch erzählt. Obgleich der Wahrheitsanspruch bei vielen Erzähldetails aus heutiger Sicht natürlich nicht akzeptiert werden kann, beinhalten die Sagen in vielen Fällen gewisse Faktizitäten, die sich entweder aus dem Gesamtzusammenhang ergeben oder auf der Ebene der geschilderten Stimmungslagen zu finden sind und Schlüsse auf damalige Sichtweisen bzw. Auffassungen zulassen. Nehmen wir als Beispiel nur einmal die Hexensagen, die im gesamten abendländischen Raum weit verbreitet gewesen sind. Bei diesem Sagenmotiv handelte es sich durchaus nicht um lediglich unterhaltsame Spukgeschichten, oft - viel zu oft - manifestierte sich der Wahrheitsanspruch auf schreckliche, grausame und brutalste Weise in historisch belegten Hexenprozessen und Hexenverbrennungen. Angesichts dieser Hintergründe verbleibt auch heute nicht nur ein bitterer Beigeschmack, sondern eigentlich nur blankes Entsetzen. Da das Gemeinwesen in früherer Zeit maßgeblich auf Agrarwirtschaft ausgerichtet war, und ein hoher Bevölkerungsanteil dort sein Auskommen fand, vollzog sich die Sagenüberlieferung mit entsprechenden Themenkreisen größtenteils in bäuerlichen, dörflichen Lebensgemeinschaften. Natürlich gab es auch andere Arbeitswelten und Berufsstände, die sich teilweise in noch viel höherem Maße den geheimnisvollen, scheinbar willkürlich und schicksalhaft auftretenden Naturgewalten ausgesetzt fühlten und deren Arbeit mit einer höheren Erlebnisintensität verbunden war. Diese Lebens- bzw. Berufsbereiche wiederum bildeten Sagenkomplexe aus, die sich inhaltlich von der bäuerlich geprägten Tradierung deutlich unterschieden. Als typisches Beispiel hierfür können die Seefahrer gelten. Die unendliche Weite und unergründliche Tiefe der Meere, das plötzliche Aufkommen von gefährlichen Stürmen und Orkanen und die Einsamkeit auf offener See müssen als idealer Nährboden für das Entstehen und Überliefern von Sagen mit ihren Elementen des Übernatürlichen angesehen werden. Sagen um Bergleute und Bergwerke Ganz ähnlich wie bei den Seeleuten und sehr im Gegensatz zu Bauern und Handwerkern früherer Zeitepochen spielte sich das gefährliche Berufsleben der Bergknappen weit entfernt von Haus, Hof und Familie ab. Außenstehenden blieb die Welt des Bergbaus verborgen und wurde daher meist als geheimnisvoll und rätselhaft empfunden. Aber auch bei den Bergleuten selbst mußte das Fluidum der dunklen Grubenbaue und die drohenden Gefahren bei der täglichen Arbeit Aberglaube und Geistervorstellungen geradezu provozieren. Hinzu kamen die Unwägbarkeiten bei der Auffindung neuer Bodenschätze sowie die stete Sorge und Ungewißheit bezüglich der Ergiebigkeit von erschlossenen und im Abbau befindlichen Förderstrecken. Die gesamte Arbeitswelt des Bergmannes bot somit fast paradigmatische Ansätze zur Sagenbildung. Obschon man sich natürlich immer wieder über reiche Anbrüche und ergiebige Lagerstätten freute, machte man sich auch Gedanken darüber, wem die abgebauten Schätze wohl eigentlich gehörten, für wen sie einst erschaffen worden waren oder wer sie möglicherweise in den Erzgängen zusammengetragen haben könnte. Und irgendwann erzählte man dann vom Berggeist und von Zwergen als Besitzer und Hüter unermeßlicher Schätze. Offensichtlich versuchte man, mit der imaginären Existenz dieser Wesen den Mineralvorkommen einen Sinn zu geben. Man konnte und wollte sich anscheinend nicht vorstellen, daß die Natur mit den Lagerstätten unterschiedlichster Art unermeßliche Reichtümer geschaffen haben sollte, ohne damit irgendeinen Sinn zu erfüllen. Der Versuch, über die Existenz geheimnisvoller Wesen eine Begründung für das Vorkommen von nutzbaren und manchmal auch nur reizvollen Mineralbildungen zu finden, mag uns in der heutigen Zeit recht naiv vorkommen. Dennoch scheint diese Einstellung fast sympathischer zu sein, als die heute vorherrschende, recht beziehungslose Auffassung, alle Lagerstätten seien nur dazu da, möglichst schnell und rationell abgebaut zu werden. Berggeistsagen Während man sich die Zwerge als kleine, gesellige, hilfsbereite Wesen vorstellte, wurde der Berggeist als mächtige, furchterregende Singulärgestalt beschrieben, der den Bergmann gelegentlich belohnte, ihn bei ungebührlichem Verhalten aber auch verwarnte oder bestrafte. Viele Erzähldetails lassen den eindeutigen Schluß zu, daß die Berggeistsagen des Stolberger Raumes zu Anfang der Industrialisierung von zugewanderten Bergleuten mitgebracht und auf die hiesigen Verhältnisse adaptiert wurden. Die lokalen Berggeistsagen enthalten nämlich meist Hinweise auf großtechnischen Gruben- bzw. Hüttenbetrieb, der in Stolberg erst in der ersten Hälfte des 19. Jh. eingesetzt hat. Die Übernahme ganzer Sagenkomplexe aus anderen Montanregionen war übrigens kein Einzelfall, sondern kann beispielsweise in den relativ spät angelegten Großgruben der Steinkohlereviere als Regel gelten. Häufig fand man im Stolberger Erzabbaugebiet Sagenmotive, die sich auf Fundweisungen durch den Berggeist bezogen. Ebenfalls weit verbreitet war die Erzählgeschichte vom Berggeist, der einem Bergmann seine fast erloschene Funzel mit neuem Öl auffüllte, wobei der Symbolgehalt dieses Motivelementes noch dadurch unterstrichen wurde, daß sich das Öl des Berggeistes nicht verbrauchte und ein damit gefülltes Geleucht angeblich niemals wieder verlöschen würde. In der absoluten, unheimlichen Dunkelheit der Stollen- und Schachtsysteme war für den Bergmann das Licht seiner Funzel natürlich von lebenswichtiger Bedeutung. Die heute in vielen Besucherbergwerken üblich gewordene Ausleuchtung läßt diesen Umstand häufig vergessen, ebenso wie die Tatsache, daß die oft eindrucksvolle Weite vieler Abbaukavernen von den früher dort tätigen Bergleuten nie in Gänze betrachtet werden konnte.
Im Zusammenhang mit den Berggeistsagen fällt allerdings auf, daß Sagenmotive, die den Berggeist als schreckliche, furchterregende Gestalt schilderten, in der Stolberger Region gänzlich fehlten. Wo der Berggeist auftauchte, wurde er durchweg als menschenfreundliches, hilfreiches Wesen dargestellt. Die Tatsache, daß die strafenden und furchterregenden Wesenszüge des Berggeistes als Sagenmotiv in anderen Montanbereichen durchgängig verbreitet waren, in der lokalen Sagenlandschaft dieser Region jedoch so gut wie nicht vorkamen, muß natürlich einen Grund haben. Die Verhältnisse in den gut ausgebauten Großgruben der beginnenden Industrialisierung und auch die Arbeitsatmosphäre im teilweise noch parallel betriebenen, nebenberuflichen Kleinbergbau wurden offensichtlich als weniger unheimlich und bedrohlich empfunden, als dies bei den tiefer bauenden Erzgruben früherer Bergbauepochen anderer Montanregionen der Fall gewesen ist. Die Bereitschaft, bedrohlich wirkende Motive der Berggeistsage zu übernehmen und auf die örtlichen Verhältnisse zu adaptieren (anzupassen), muß folglich recht gering gewesen sein, da man sich mit den darin anklingenden Stimmungen nicht identifizieren konnte. Der lokal vorliegende Sagenbestand wurde also ganz offenkundig durch Motivselektion gebildet und zeigt recht deutlich, daß die Frage nach dem Wahrheitsgehalt einer Sage von recht untergeordneter Bedeutung sein kann. Der Denkansatz, den Sagenstoff als Ausdruck von Vorstellungen und Gefühlen wie Ängste, Bedrohungen oder Hoffnungen zu akzeptieren, führt zu erheblich interessanteren Einblicken. Hierbei wird die Frage nach der wirklichen Existenz von Berggeistern völlig bedeutungslos - so man diese Frage überhaupt noch stellen sollte. Zwergensagen Bei den Zwergensagen ist uns zunächst der Aspekt der hilfreichen Geister geläufig, die Geschichten also um die Heinzelmännchen, die den Leuten früher zur Hand gingen und während der Nacht Arbeiten in Haus und Flur verrichteten. Dieses Motivelement geht zurück auf römischen Penatenkult, auf kleine Hausgeister (Penaten genannt), die Herd, Haus und Hof bewachten und vor Unheil schützten. Entsprechend der römischen Provenienz, muß man als originäres Verbreitungsgebiet dieser Sage die ehemals römisch beherrschten Gebiete annehmen. Es ist ja möglicherweise nur Zufall, daß sich August Kopisch mit seinem Gedicht von den Heinzelmännchen auf Köln bezieht. Aber dieses Gedicht und der ursprünglich dahinter stehende Sagenkomplex ist der ehemals römischen Metropole sozusagen paßgenau auf den Leib geschneidert. Im Laufe der Zeit muß sich nun aber das Verbreitungsgebiet der Erzählgebilde um Zwerge und Wichtel sowohl geographisch als auch thematisch erheblich ausgedehnt haben. Spätestens im ausgehenden Mittelalter nämlich tauchten in praktisch allen Bergbaugebieten Geschichten von Zwergen und Penaten auf, die auch hier wiederum durchaus freundliche und hilfsbereite Wesenszüge trugen. Teilweise wurden diese Wichtel auch als Gütel bezeichnet; ein Begriff, der sich von gut oder gutmütig ableitet. Diese Entwicklung wird in einem um 1490 entstandenen Holzschnitt aus dem Werk Iudicium Iovis von Paulus Niavis (Paul Schneevogel) recht gut verdeutlicht. Hier ist ein durch Kapuzentracht bzw. durch Schlägel und Eisen als Bergmann gekennzeichneter Angeklagter vor dem Thron Jupiters dargestellt. Dem Bergmann werden zahlreiche Verletzungen der Terra Mater (Mutter Erde) vorgeworfen, worin sich der uralte Konflikt zwischen dem Agrarwesen und den bergbaulichen Aktivitäten widerspiegelt. Der etwas sehr selbstbewußte und in Montankreisen durchaus übliche Spruch: dürfte sicherlich kaum zu einer Entschärfung dieses Konfliktes beigetragen haben. Schützend um den Bergmann sind in dieser Darstellung drei Penaten gruppiert. Sieht man von der Kleinwüchsigkeit ab, ist das Erscheinungsbild dieser Penaten allerdings noch recht unspezifisch.
Ausgehend von den Motivelementen der römischen Penaten und unter Verwendung ihrer charakteristischen Wesenszüge bildete sich ein eigenständiger, montanspezifischer Sagenkomplex aus. Wie bereits erwähnt, stellte man sich die Zwerge u.a. auch als Hüter oder Besitzer unermeßlicher Schätze vor. Hieraus folgend ist die imaginäre, aber durchaus subjektiv spürbare Gegenwärtigkeit von Zwergen und Kobolden bei den früheren Bergleuten ein gern gesehenes Phänomen gewesen. Häufig wurden Zwerge und Kobolde sogar herbeigewünscht, da dort, wo sie auftraten, gute Anbrüche und reiche Vorkommen zu vermuten waren. Und natürlich mußten die Zwerge von kleinem Wuchs sein, wenn sie, wie man sich vorstellte, in engen Felsspalten und Klüften wohnen sollten und dort reger Schürftätigkeit nachgingen. Entsprechend dieses Gedankens ging später auch die mittelalterliche Arbeitstracht mit Kapuze und Bergleder in das imaginäre Vorstellungsbild ein, welches man sich von den Zwergen machte. Dieses Vorstellumgsbild war letztlich völlig unabhängig davon, ob die Zwergensagen vor montanhistorischem Hintergrund erzählt wurden, oder ob bei den Heinzelmännchen haus- oder landwirtschaftliche Motivelemente vorherrschten. Auch das Erscheinungsbild der vielbelächelten Gartenzwerge ist geprägt von eben dieser bergmännischen Kapuzentracht.
Als Warnung sollen die Zwerge den Bergleuten häufig Staub und feinkörniges Rieselgut auf den Kopf geschüttet haben, wenn sie sich an gefahrvollen Stellen aufhielten. Auch hier ist wieder der freundliche, hilfsbereite Wesenszug der Penaten erkennbar. Ein häufig lebensrettender Wahrheitsgehalt dieses Motivelements bestand darin, daß sich ein Stolleneinbruch oder das Verstürzen eines Schachtes eigentlich immer durch herabrieselndes Lockermaterial ankündigt. Für einen Bergmann jedenfalls, der auf Grund einer derartigen Warnung mit knapper Not einem niedergehenden Sargdeckel ausweichen konnte, war die Frage nach der wirklichen Existenz von Zwergen relativ belanglos. Lokale Zwergensagen Während in den Zwergengeschichten der weitaus meisten Sagenlandschaften entweder die Erzählungen von den hilfreichen Geistern oder aber Bergbaumotive aus meist mittelalterlicher Zeit dominierten, waren im Stolberger Raum beide Motivelemente gleichwertig vertreten. Wer wollte es bezweifeln, die Kölner Heinzelmännchen sind sicherlich viel bekannter als die Zwergengestalten um Breinig, Mausbach, Gressenich und Hastenrath, dennoch scheinen letztere durch die zusätzlichen Motivelemente, die sich aus den überlieferten Schürftätigkeiten ergeben, vielschichtiger und somit auch interessanter zu sein als die weltbekannten Heinzelmännchen. Es gibt aber auch insofern noch eine weitere Besonderheit in der Sagenlandschaft dieser Region, als daß sich die montanhistorischen Motivelemente hier nicht auf mittelalterlichen, sondern auf den bereits erwähnten keltisch-römischen Bergbau beziehen. Somit entstammen, ebenfalls anders als in sonstigen Sagenlandschaften, beide beherrschenden Motivelemente, nämlich Heinzelmännchenerzählungen und montanhistorische Bezüge, der gleichen (römischen) Zeitepoche. Dieser Umstand findet deutlichen Ausdruck in den Namensbegriffen, die zur Bezeichnung der Zwergengestalten üblich gewesen sind. Da wären als erstes die Zwerge zu nennen, die um Mausbach - Gressenich gehaust haben sollen, und die meist Quärrismännchen genannt wurden, wobei sich die Vorsilbe 'Quärris' von 'Querge = Zwerge' ableitet. Ebenso gebräuchlich war allerdings auch der Ausdruck 'Römermännchen'; ein Begriff, der vor dem Entstehungshintergrund dieser Erzählgeschichten im wahrsten Sinne des Wortes bezeichnend ist. Diese Quärris- oder Römermännchen stellte man sich als kleine, bärtige Kerlchen vor, die in Höhlen oder Erdlöchern gewohnt haben sollen. Sie schadeten den Leuten nicht, waren ihnen aber auch nicht von besonderem Nutzen. Für ihre Festgelage tief unter der Erde borgten sie sich manchmal Geschirr, das sie am nächsten Tag blank geputzt zurück gaben. Verweigerte man ihnen die benötigten Gerätschaften, so holten sie abends Töpfe und Teller einfach selbst und brachten sie über und über mit Schmutz besudelt zurück. Bei einer anderen Zwergengattung, den Killewittchen, die sich in der Gegend von Hastenrath herumgetrieben haben sollen, ist der Bezug zwischen Namensgebung und Entstehungsepoche weniger offensichtlich, aber dennoch zweifelsfrei vorhanden. Die Wortsilbe 'Kille' in Killewittchen ist nämlich abzuleiten von dem keltischen Wortstamm 'cill', womit Höhlen, insbesondere auch Erdhöhlen gemeint sind. Der gleiche etymologische Zusammenhang gilt auch für die im rheinischen Raum gebräuchlichen Begriffe wie Kuhle, Kaule, Kull, die sich allesamt auf Schürfstellen jeglicher Art und insbesondere auch auf Steinbrüche beziehen. Und in einem Steinbruch sollen diese Killewittchen auch gewohnt haben, in einem Gebiet, wo sich Erzlagerstätten befanden, die bis zum Anfang dieses Jahrhunderts abgebaut worden sind (Albertgrube), und wo auch heute noch ein Kalksteinbruch betrieben wird. Bei den Killewittchen ist das Element der hilfreichen Geister - die Penatenüberlieferung also - besonders stark ausgeprägt. Sie sollen, wie das ehemals zu Köln auch bei den Heinzelmännchen üblich war, den Bauern und Handwerkern oft zur Hand gegangen sein und während der Nacht so manche Arbeiten verrichtet haben. Vor ihrem Verschwinden sollen die Killewittchen lange in der Erde gegraben, die kostbaren Schätze verpackt und diese mitgenommen haben. Durch dieses Motivelement wird der Bezug zwischen Zwergen und Bodenschätzen ganz besonders deutlich.
Der Kalkstein allerdings, wonach die Killewittchen geklopft haben sollen, muß zunächst etwas stutzig machen, da Kalkstein eben nicht so recht zu den Vorstellungen paßt, die man sich üblicherweise von einem Zwergenschatz macht. Aber genau dort, wo die Killewittchen gehaust haben sollen, gibt es in den hier gut ausgebildeten Karsthöhlen spektakuläre Kalkspatbildungen. Ob Kalksinter, Tropfsteine, Tropfleisten oder Calcitkristalle, diese Bildungen sind allesamt von wirklich hervorragender, modellhafter Erscheinungsform. Die Sagenstadt Gression Eingangs bereits wurde die Bedeutung des Stolberger Wirtschaftsraumes zu römischer Zeit angesprochen, und in diesem Zusammenhang fand ebenfalls die Sagenstadt Gression Erwähnung. Der Sagenkomplex um diese Stadt Gression ist nun in noch viel höherem Maße von regionalspezifischem Charakter, als dies bei den Erzählgebilden um Zwerge und Kobolde der Fall war. Es ist durchaus kein Zufall, daß zwischen dem Namen dieser Sagenstadt und dem Namen des Ortes Gressenich eine auffallende phonetische Ähnlichkeit besteht. Und in der Tat, Gressenich kann in gewissem Sinne als geographischer, ganz sicher aber als inhaltlicher Zentralpunkt dieses Sagenkomplexes gelten. Die Sage um die Stadt Gression hatte ein weites Verbreitungsgebiet innerhalb des Großraumes Aachen - Köln, ist jedoch im Überlieferungsbestand der einzelnen Ortschaften nur fragmenthaft erhalten geblieben. Ein wesentlich geschlosseneres Bild ergibt sich dann, wenn man die unterschiedlichen Restbestände aus den einzelnen Lokalbereichen zusammenfaßt: Gression soll in uralter Zeit eine so gewaltige Stadt gewesen sein, daß sie mit keiner anderen verglichen werden konnte. Die meisten Varianten der Sage geben den Durchmesser der Stadt Gression mit sieben Stunden an, wobei es allerdings auch Versionen gibt, die den Durchmesser mit zwei Stunden und wiederum andere, die den Umfang mit hundert Stunden angeben wollen. Bezüglich der geographischen Erstreckung berichtet die Sage über den Raum Aachen, Köln, Düren, Jülich. Andere Versionen wiederum verlegen die Stadt Gression in den engeren Bereich Kornelimünster, Gressenich, Düren, Jülich, wobei der letztere, etwas enger gefaßte Bereich noch um die Jahrhundertwende auch dem Verbreitungsgebiet der Sage entsprach. Die Sage weiß von einem bedeutenden Bergbau in der Stadt Gression zu berichten. Durch die Ergiebigkeit der Erzlagerstätten soll großer Reichtum in die Stadt geflossen sein. Dies verleitete die Bewohner zu Üppigkeit, Verschwendungssucht und Lasterhaftigkeit, was den Zorn Gottes herausforderte. Die Stadt soll daher mit völliger Vernichtung bestraft worden und durch ein schreckliches Schicksal untergegangen sein. Der in der Sage erwähnte Erzabbau bezieht sich zweifelsohne auf römischen Bergbau, der für die Gebiete um Gressenich, Mausbach und Breinig auch historisch belegt ist. Es gilt als sicher, daß zur damaligen Zeit u.a. das hier lagernde Galmeierz zur Herstellung von Messing geschürft wurde. Und Messing wiederum erfreute sich zu römischer Zeit einer hohen Wertschätzung. Die sogenannten Hemmoorer Eimer, glockenförmige, oft mit umlaufendem Relieffries ausgestattete Prunkgefäße römischer Herkunft, bestehen beispielsweise aus einer Messinglegierung. Diese Gefäße wurden nach einem Fundort bei Cuxhaven benannt, waren aber, wie zahlreiche Funde zeigen, vom Donauraum bis nach Skandinavien weit verbreitet und sind offensichtlich begehrtes Handelsgut gewesen, welches aus damals römischem Gebiet nach Germanien exportiert wurde. Häufig waren die Relieffriese mit Emaileinlagen und Silbertauschierungen (eingehämmertes Silber) versehen. Die Möglichkeit, daß diese hochwertigen Behältnisse im Stolberger Raum hergestellt wurden, ist zwar letztlich immer noch spekulativ, liegt aber dennoch im Bereich einer gewissen Wahrscheinlichkeit.
Unabhängig davon, ob die Hemmoorer Eimer in Stolberg hergestellt wurden, dürfte die römische Messingherstellung ein durchaus einträgliches Gewerbe gewesen sein. Insofern hat der in der Sage erwähnte Reichtum dieser Stadt durchaus auch einen historischen Hintergrund. Die in der Sage angesprochene außergewöhnliche Größe der Stadt Gression wird nun allerdings mit objektiver Faktizität sehr viel weniger zu tun gehabt haben. Es ist eher anzunehmen, daß mit diesem Erzähldetail die Bedeutung der Stadt oder der Region unterstrichen werden sollte. Wenn man bedenkt, daß der Bergbau in der Stolberger Gegend nach dem Eindringen fränkischer Volksstämme über Jahrhunderte geruht hat, ist die Tradierung eines Sagenkomplexes mit ausgeprägten Bezügen zu frühgeschichtlichem Bergbau eigentlich recht erstaunlich. Die bergbaulichen Bezüge nämlich mußten den neuen, bäuerlich geprägten Dorfgemeinschaften wesensfremd sein, die solche Überlieferungen weitergetragen haben. Aber man sollte etwas anderes auch nicht vergessen. Gleichgültig ob das Imperium Romanum nun als Schutzmacht oder als Besatzungsmacht anzusehen war, die Zeit des römischen Reiches brachte in Europa und natürlich auch für die damaligen Messinggießer der Voreifel eine langandauernde Epoche stabiler und friedlicher Verhältnisse. Nicht nur daß sich unter diesen Rahmenbedingungen Handel und Wandel bestens entwickeln konnten, nein, auch die nicht- römische Bevölkerung hatte sich größtenteils mit den Römern arrangiert und wußte durchaus auch die Vorteile eines wohlgeordneten Staatswesens zu schätzen. So ist es nicht weiter verwunderlich, daß der Glanz dieser Zeit hinüberstrahlte auf nachfolgende, weniger ruhige Epochen, und daß dieser Wohlstand als teilweise überzeichnete Überlieferung in den Erzählungen weiterlebte. In Erinnerung an bessere Tage wurde aus dem zweifelsfrei vorhandenen Wohlstand der damaligen Wirtschaftsregion märchenhafter Reichtum, der mit der Sagenstadt Gression unwiederbringlich untergegangen war. Bezüglich des Untergangs der Sagenstadt Gression enthält der Überlieferungsbestand drei unterschiedliche Varianten:
Allen drei Varianten ist gemeinsam, daß es sich bei dem Untergang der Stadt um ein Strafgericht Gottes gehandelt haben soll. Im Laufe der Zeit wurde eine Vielzahl von Geländebefunden angeführt, welche einerseits die Geschichte vom Untergang einer Stadt glaubhaft und plausibel machen sollten, wobei die Existenz dieser zum Teil befremdlichen Befunde andererseits aber interpretierbar wurde.
Da wären zunächst die römischen Fundamente und Bebauungsreste zu nennen, die allerorten und immer wieder beim Pflügen und anderen Erdarbeiten zum Vorschein kamen und auch immer wieder neue Bezüge zu den altbekannten Erzählgeschichten entstehen ließen. Diese Bezüge ergaben sich hinsichtlich der Siedlungsrelikte unabhängig davon, welche der drei Varianten man über den Untergang der Stadt erzählte. Das Auffinden römischer Siedlungsspuren erstreckte sich über einen sehr weiten Bereich, was auch die außergewöhnliche Größe der Sagenstadt erklären könnte. Eine große Zahl von Dorfgemeinschaften war folglich mit dem gleichen Phenomen konfrontiert, so daß in vielen Orten bzw. Ansiedlungen gleiche oder ähnliche Erzählgeschichten kursierten. Die Erzählvariante, nach der die Stadt durch eine gewaltige Flut hinweggeschwemmt worden sei, fand weite Verbreitung, offensichtlich weil im Gelände häufig Befunde anzutreffen sind, von denen man glaubte, sie als Indizien für eine Flutwelle interpretieren zu können. In der Gegend von Gressenich führt die Sage das Vorhandensein von versteinerten Muscheln, die in den Kalksteinbrüchen oft zu beobachten sind, als deutlichen Hinweis für eine Überflutung an. Hiermit dürften die in den Devonformationen dieses Gebietes häufig auftretenden Brachiopoden gemeint sein, deren Erscheinungsbild dem der Muscheln sehr ähnlich ist.
Im Bereich Langerwehe - Lucherberg gelten die dort lagernden Sand- und Geröllmassen als Anhaltspunkt für eine gewaltige Flutwelle. Im gleichen Bereich werden die in der Braunkohle vorkommenden Baumstämme einer Brandkatastrophe zugeschrieben, die durch fremde Kriegshorden verursacht worden sein soll.
Reichtum und Vergänglichkeit, so könnte man zusammenfassend sagen, wurden in dieser Geschichte reflektiert, und vor dem Hintergrund einer lukrativen Messingherstellung zu römischer Zeit wird die Tatsache nur allzu verständlich, daß diese Sage erstens überhaupt entstehen konnte und zweitens dann auch weitererzählt wurde. Bezüglich der Wertschätzung, derer sich die Messinglegierung in römischer Zeit erfreute, gibt es einige interessante Untersuchungsergebnisse und Interpretationsansätze aus England. Hier hat man herausgefunden, daß die Legierungszusammensetzung römischer Broschen in der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts von Messing nach Blei-Bronze wechselte. Die Messinglegierung, so wird gefolgert, sei für die Herstellung von Broschen viel zu kostbar gewesen und Messing wäre wohl als Edelmetall angesehen worden. Der Sagenkomplex um die Stadt Gression mit ihrem unermeßlichen Reichtum würde natürlich noch viel besser in den historischen Rahmen passen, wenn die hier hergestellte, gold-glänzende Messinglegierung im römischen Reich tatsächlich als Edelmetall gehandelt worden wäre. Literatur- und Quellenverzeichnis
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