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Veröffentlicht in: und ihr Einfluß auf die wirtschaftsgeschichtliche Entwicklung. von Friedrich Holtz und Hermann Wotruba Geographischer und geschichtlicher Überblick Die Entwicklung des Stolberger Wirtschaftsraumes ist über Jahrhunderte ganz entscheidend durch den Abbau und durch die Nutzung von Erz und Kohle geprägt worden. Im Bereich der Erzlagerstätten, die sich hauptsächlich im Süden des Stadtgebietes befinden, können keltische Schürftätigkeiten als wahrscheinlich und Bergbauaktivitäten zu römischer Zeit als zweifelsfrei belegt gelten. Der römische Erzabbau und das daraus resultierende Metallgewerbe führten zwischen dem 1. und 4. Jahrhundert zu einer ersten wirtschaftlichen Hochblüte. Eine besondere Rolle spielten hierbei die als Galmei ausgebildeten Zinkerze, die für die Herstellung des Messings Verwendung fanden. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts wurde mit dem Zuzug der sogenannten Kupfermeister aus Aachen der Grundstock für eine zweite Hochblüte der Messingindustrie gelegt, die im 18. Jahrhundert zu einer europaweiten Monopolstellung der im Stolberger Raum ansässigen Messingproduzenten führen sollte. Auf der Basis der Erzlagerstätten und der in nächster Nähe gelegenen, bauwürdigen Steinkohleflözen entwickelte sich um die Mitte des 19. Jahrhunderts die erste Industrielandschaft auf deutschem Boden, die maßgeblich von der damals neu entstandenen Zinkhüttenindustrie geprägt wurde. Die lokalgeographische Verteilung der metallschaffenden und -verarbeitenden Gewerbestandorte innerhalb der erz- und kohleführenden Region ist zu allen Zeiten bestimmt gewesen von den jeweils vorliegenden Energiebedürfnissen, von der Verfügbarkeit gewisser Energieressourcen und natürlich auch von den sich wandelnden technischen Möglichkeiten, diese Ressourcen zu nutzen. Die dünnflüssige Schmelze der Messinglegierung, die im Gegensatz zum Reinmetall Kupfer einen blasenfreien Guß ermöglichte, nutzten die Römer beispielsweise sehr geschickt zur Herstellung von dünnwandigen Gefäßen. Bei dieser Art der Fertigung dürfte man als Energiequelle meist Klafterholz zum Beheizen der Öfen eingesetzt haben. Neben dem Kupfer und dem zinkhaltigen Galmeierz benötigte man als weiteren Zuschlagstoff lediglich noch Holzkohle, die zur Reduktion des Erzes erforderlich war. Hieraus ergab sich eine sehr enge räumliche Anbindung der Produktionsstätten an die Erzvorkommen, die sich während späterer Epochen nie wieder in ähnlicher Unmittelbarkeit eingestellt hat. Für die Produktionspalette der Kupfermeister waren gehämmerte und ausgetriebene Messingwaren kennzeichnend, zu deren Herstellung Messingblech benötigt wurde, welches in den sogenannten Latschmühlen mit hohem Aufwand an mechanischer Energie aus relativ dicken, gegossenen Messingplatten ausgehämmert werden mußte. Somit errichteten die Kupfermeister ihre Betriebsstätten in der Nähe von Bachläufen, da sich zur damaligen Zeit die benötigte mechanische Energie in hinreichender Menge eigentlich nur durch die Wasserkraft von Fließgewässern gewinnen ließ. Zur Deckung ihres Energiebedarfs siedelten sich die zur Zeit der Frühindustrialisierung gegründeten Zinkhütten im Bereich der Steinkohlefelder an. Ebenfalls begünstigt durch die Verfügbarkeit von Kohle entstanden im gleichen Bereich und zur gleichen Zeit auch Glashütten sowie einige Betriebe der Großchemie. Die geologischen Verhältnisse Nach Norden hin folgen dann die deutlich jüngeren kalkhaltigen Schiefer und die Sandsteine des Unterdevons sowie ein Konglomeratstreifen aus der gleichen Epoche. Hieran schließen sich teilweise schwach geschieferte Ton-, Schluff- und Sandsteine an, die aus dem Unter- bzw. unteren Mitteldevon stammen. Am nördlichen Rand der Ortslage Vicht folgt ein Band dickbankiger, teilweise dolomitisierter Riffkalke, welche sich von Raeren über Breinigerberg und Mausbach nach Gressenich erstrecken und dem Mitteldevon (Givet) bzw. dem unteren Oberdevon (Frasnes) angehören. In der älteren Literatur werden diese Schichten zusammenfassend als Eifelkalk bezeichnet. Weiter nach Norden folgen oberdevonische Condroz-Sandsteine, Frasnes-Schiefer und Famenne-Schiefer, welche kurz oberhalb des Stadtkerngebietes zu den Karbonformationen mit Schichten dickbankiger Kohlenkalke überleiten.
Bei diesem Kohlenkalk handelt es sich um karbonischen Kalkstein mit äußerst dichtem, homogenem Gefüge, der als landschaftstypisches Baumaterial der Region gelten kann. In der lokalen Umgangssprache wird der Kohlenkalk vielfach auch als Blaustein bezeichnet. Der Kohlenkalk wird weiter nördlich durch einen mehrfach verworfenen Zug Stolberger und Walhorner Schichten (Oberkarbon) sowie durch ein weiteres Band oberkarbonischer Gesteine durchbrochen, so daß der Kohlenkalk in zwei Hauptzügen vorliegt. Der südlich gelegene wird durch die erwähnten Einlagerungen nach Osten hin nochmals geteilt. Der nördliche Hauptzug bildet im Bereich der Oberstadt von Stolberg den Burgfelsen und wird häufig als Büsbacher Kalkzug bezeichnet. In Richtung Norden überdeckt das Stolberger Stadtgebiet noch weite Teile der Indemulde, die sich nach Osten hin übergangslos zur Kölner Tieflandbucht öffnet. Diese wiederum wird durch den Aachener Devon-Sattel zur Wurmmulde hin abgegrenzt, womit die durch das Stolberger Gebiet verlaufende Abfolge von Sätteln und Mulden ihren nördlichen Abschluß findet. Entsprechend der Ausrichtung der Faltenachsen folgt das Schichtstreichen in der gesamten Vennfußfläche einer von Südwest nach Nordost verlaufenden Generalrichtung. Querschlägig zur Schichtung treten östlich und westlich des Stadtkerngebietes bedeutende, großräumige Verwerfungen auf, die sich teilweise bis zum Niederrhein verfolgen lassen. Die östlich gelegene Störung wird Sandgewand oder in der Bergmannssprache auch verbotener Kropp genannt und bildet den westlichen Rand des Hastenrather Grabenbruches. Die weiter nach Westen gelegene, durch Büsbach verlaufende Störung durchschneidet das Gebiet der ehemaligen Reichsabtei Kornelimünster und wird in Anlehnung hieran als Münstergewand oder auch als Feldbiß bezeichnet. Die Erzlagerstätten und ihre Entstehung Redecke, P. (1992), der die Genese der Stolberger Lagerstätten einer postvariszischen Bildungsphase zuschreibt, weist darauf hin, daß die Porenvolumina bei der Versenkung und Überdeckung von Sedimenten ganz erheblich reduziert wurden. Durch diese Kompression ergab sich bei entsprechenden Wegsamkeiten im Gebirgskörper (Störungen mit Kluft- und Spaltsystemen) zwangsläufigerweise eine aufsteigende (aszendente) Relativbewegung der eingeschlossenen Porenwässer. Die Temperierung der Fluide wird sowohl dem Geothermalgradienten als auch exothermen Reaktionen zugeschrieben. Als potentielle Liefergesteine für die Metalle werden die Gesteinskomplexe des Devonkarbons angesehen, deren feinstverteilte Metallgehalte bei großflächigem Kontakt mit den Fluiden in Lösung gegangen sein dürften. Zur Erklärung der Tatsache, daß die Stolberger Lagerstätten ausschließlich an Kalkstein und Dolomit gebunden sind, werden mehrere Gründe angeführt, die sich bezüglich ihrer Wirkung gegenseitig ergänzten. Während sich im Kalkstein- bzw. Dolomitgebirge bei tektonischer Deformation dauerhafte Brüche ergeben, kann in Tonsteinformationen bei gleicher tektonischer Belastung durchaus eine plastische Verformung auftreten ohne daß es zur Bruchbildung kommt. Daher entstanden Aufstiegswege vorzugsweise dort, wo Störungen die Kalksteinzüge durchschlagen. Die so entstandenen Wegsamkeiten werden zusätzlich auch durch Karstphänomene, die ebenfalls bevorzugt im Karbonatgebirge auftreten, aufgeweitet worden sein. Im Bereich der Kalksteinzüge kam es beim Aufstieg der hydrothermalen Fluide zu einer durch Karbonatlösung verursachten, metasomatischen Erweiterung der Gangräume, was einer Blockierung der Fließkanäle entgegenwirkte. Die Karbonatlösung begünstigte ihrerseits wiederum das Ausfällen der mitgeführten Metallsulfide. Abhängig vom Lösungsdargebot und von der Ganggröße bildeten sich die Vererzungen entweder als Kluftauskleidungen oder als Kluftfüllungen aus. Die Erzentstehung hat man sich als zeitliche Abfolge mehrerer Bildungsschübe mit teilweise unterschiedlichen Mineralgehalten der Lösungen vorzustellen. Jeder dieser Bildungsschübe ließ, aufbauend auf den bereits vorhandenen Grundstock, eine neue Erzschicht entstehen, woraus sich ein schaliger Aufbau ergab, der diesen sulfidischen Primärerzen den Namen Schalenblende gegeben hat. Die Erzmittel des Schalenblendentypes bestehen in der Regel aus Zinkblende, Bleiglanz und Schwefelkies, der meist als Markasit, gelegentlich aber auch als Pyrit ausgebildet ist.
Die Zinkblende kommt in der Stolberger Paragenese fast ausschließlich in mikro- kristalliner Form vor und bildet an der Oberfläche der Schalenblende nur sehr selten kleine, idiomorph ausgebildete Kristalle. Je nach Eisengehalt bzw. Kristallitgröße variiert die Farbe von hellbraun (fast weiß) über dunkelbraun bis schwarz. Die unterschiedlichen Färbungen kommen häufig als Wechsellagerung vor und bilden dann eine für die Schalenblende typische, oft optisch attraktive Bänderung. Selbst in farblich homogenen Bereichen ist der schalige Aufbau dieses Erztypes an angewitterten Oberflächen gut erkennbar, da die einzelnen Bildungsschübe Schalen oder Lagen hinterlassen haben, die bezüglich der Dichte ihrer mikro-kristallinen Struktur stark unterschiedlich sind, obschon sie einen völlig identischen Mineral- bzw. Elementgehalt aufweisen. Entsprechend der unterschiedlichen Dichte reagierten diese Lagen jeweils unterschiedlich auf Verwitterungsmechanismen und werden somit an der Oberfläche als Schalenstruktur sichtbar. Der Bleiglanz kommt in dieser Paragenese als grob-kristalline Kluftauskleidungen, als derbe Gangfüllungen und vor allem auch als Bestandteil der Schalenblende vor. Im letzteren Fall liegt der Bleiglanz, meist in Zinkblende eingebettet, als idiomorph ausgeprägte Kristalle vor, die entweder zusammenhängende Kristallrasen oder orientiert angeordnete Einsprenglinge bilden und von der gebänderten Zinkblende um- bzw. überlagert werden. Häufig weist dieses Bleierz einen geringen Silbergehalt auf, der in den Stolberger Lagerstätten zwischen ca. 100 und 1300 Gramm Silber pro Tonne Bleiglanz lag. Der Schwefelkies kommt ebenfalls als grob-kristalline Kluftauskleidungen, als radialstrahlige Aggregate in machmal idiomorpher Ausbildung und natürlich auch als Bestandteil der Schalenblende vor. Zumindest im Stolberger Raum schließt der Schwefelkies häufig die Bildungsfolge der Schalenblende ab und ist somit meist als letzte Schicht an der Oberfläche dieses Erztypes positioniert. Teilweise unterstützt durch eine allmähliche Hebung des Grundgebirges und durch Erosionsvorgänge an der Erdoberfläche, traten Kalkstein und Erze an der Tagesoberfläche aus, so daß im oberflächen-nahen Bereich eine Oxydationszone entstehen konnte, innerhalb derer die Erze metasomatisch umgebildet wurden. Die so entstandene, meist karbonatische Sekundärerzparagenese steht bis zu einer Teufe von 80 bis 100 m an und war mit ihrem Galmei die Grundlage für die Messingherstellung der Römer und der Kupfermeister.
Die Steinkohlelager und ihre Bildung Grubenbau und Grubenfelder Obschon während der Epoche der Kupfermeister schon Tagespingen von beachtlichen Ausmaßen angelegt wurden, blieb der Abbau geprägt vom typischen Kleinbergbau, der teilweise auch im Nebenerwerb betrieben wurde. Dort, wo Tiefbau zur Anwendung kam, trieb man, ausgehend von sehr einfach angelegten Schächten, Weitungen vor, die dem Verlauf des jeweils angeschnittenen Gangzuges folgten. Die Auserzung erfolgte so lange, bis der gesamte Grubenbau zu verstürtzen drohte. Unabhängig davon, ob man die Erzmittel durch Anlage von Tagespingen oder durch Tiefbau erschloß, stellte der Grundwasserspiegel, dessen Niveau bei einer Teufe von etwa 40 m lag und in trockenen Sommern auf bis zu 45-50 m abfiel, eine für die gegebenen Verhältnisse unüberwindliche Abbaugrenze dar (klüftiges, wasserführendes Gebirge, keine Möglichkeit zum Einsatz von Wasserkraft). Neben den südlich des Stadtkerngebietes gelegenen Grubenfeldern Breinigerberg und Diepenlinchen waren für den vorindustriellen Bergbau insbesondere die beiden westlich gelegenen Abbaufelder Büsbacherberg und Brockenberg von Bedeutung. Im Bereich des Büsbacherberges entstand die damals größte Tagespinge des Stolberger Reviers mit einer Länge von 200 m und einer Breite von 80 m. Teile des Brockenberges präsentieren sich heute als vorindustrielles, vom späteren Großbergbau kaum überprägtes Schürfgebiet. Die für die Stolberger Erzfelder charakteristische Galmeiflora ist hier geradezu idealtypisch ausgeprägt. Galmeiveilchen (Viola lutea ssp. calaminaria) und Grasnelke (Armeria elongata) erreichen an diesem Standort Populationsdichten, die dem Gelände einen einzigartigen Modellstatus verleihen. Aber auch die etwas unscheinbareren Vertreter der zu dieser Pflanzengesellschaft gehörenden Charakterarten sind hier anzuteffen, nämlich Galmeitäschelkraut (Thlaspi alpestre), Taubenkropf (Silene inflata), Frühlingsmiere (Alsine verna) und Schafschwingel (Festuca ovina). Der Erhalt dieses Landschaftsteiles in seiner gegenwärtigen Form erscheint nicht nur aus Gründen des Naturschutzes geboten, sondern wäre aus montanhistorischer Sicht ebenfalls wünschenswert. Allerdings ist der originäre Florenbestand auch auf geschützten Flächen, wie beispielsweise rund um den Schlangenberg bei Breinigerberg, durch Sukzessionsvegetation stark gefährdet. Im Steinkohleabbaugebiet der Indemulde, die in Annäherung an den Verlauf der früheren Territorialgrenzen in Münsterkohlberg und Eschweiler Kohlberg unterteilt wurde, lagen die Verhältnisse bezüglich der Wasserhaltung etwas anders als in den Erzfeldern. Während der südwestlich gelegene Münsterkohlberg zur Reichsabtei Kornelimünster gehörte, lag der Eschweiler Kohlberg (nordöstlicher Teil) im Herrschaftsgebiet der Grafen von Jülich. In beiden Grubendistrikten konnten Wasserdargebot und Gefälle der Inde sowie teilweise auch des Vichtbaches zum Betrieb von Pumpenkünsten zur Wasserhaltung genutzt werden, was ein Vordringen in Teufen ermöglichte, die deutlich unterhalb der Talsohle lagen. Die mit Abstand größte Pumpenanlage befand sich im Eschweiler Kohlberg und war namengebend für den hier gelegenen Ortsteil Eschweiler Pumpe. Die Anlage war in Verbindung mit zwei Wasserhaltungsschächten von etwa 1630 bis 1891 in Betrieb. Da der Bergbau zur damaligen Zeit auch hier ausschließlich von Kleinkozessionären betrieben wurde, mußten Errichtung und Unterhalt der Pumpenanlage durch die Landesherren erfolgen, die aus fiskalischen Gründen ein starkes Interesse an einem möglichst ungehinderten Fortgang des Bergbaues hatten. Diese Umstände führten dazu, daß diese Anlage allgemein als Herrenkunst bezeichnet wurde.
Eine grundsätzliche Änderung der Betriebsverhältnisse wurde um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert eingeleitet, als man unter napoleonischer Besatzung damit begann, die Kleinkonzessionen (wo immer möglich) zusammenzulegen. Im Steinkohlebergbau der Indemulde spielte die Familie Wültgens-Englerth eine besondere Rolle. Diese Unternehmerfamilie bzw. der von ihr gegründete Eschweiler Bergwerks-Verein dominierte den Abbau von Steinkohle sowohl im Eschweiler Kohlberg als auch im später erschlossenen Wurmrevier. Der Förderbetrieb in den Erzfeldern wurde ab etwa 1845 in zunehmendem Maße von den neu gegründeten Zinkhüttengesellschaften übernommen. Neben der Zusammenlegung der stark zersplitteten Grubenbeteiligungen zu Großkonzessionen war der mittlerweile möglich gewordene Einsatz von betriebssicheren Dampfmaschinen eine weitere Voraussetzung für den Übergang zum großtechnisch betriebenen, industriellen Abbau. Die eingesetzten Dampfmaschinen dienten vornehmlich der Wasserhaltung und erlaubten (zunächst im Steinkohlebergbau) ein Vordringen in größere Teufen. Abbau von Steinkohle Erzabbau
Die Entwässerung der unterhalb des Talniveaus liegenden Grubenbaue in den Feldern Breinigerberg und Diepenlinchen erfolgte letztlich ebenfalls mit Hilfe von Dampfmaschinen, nachdem anfänglich vereinzelt auch Pfedegöpel eingesetzt worden waren. Zur Vermeidung von Wassereinbrüchen setzte man die Schächte häufig nicht direkt im Kalkgebirge, sondern an den abfallenden Flanken der Kalksteinzüge an, wo diese von andersartigem, weniger wasserführendem Deckgebirge überlagert waren. Somit konnten die Schächte durch relativ wasserarme Schichten abgeteuft werden. Der Aufschluß der im Kalkstein anstehenden Erzmittel erfolgte alsdann durch seitlichen Stollenvortieb. Die Erzkörper selbst lagen in Form von Gängen, Stockwerken und Nestern vor. Erstere waren typische Kluftvererzungen, wobei die Erzmittel als Spaltenfüllung oder -auskleidungen ausgebildet waren. Als Gangart lag Kalkspat vor, der die verbliebenen, freien Klufträume in Gestalt meist grobspätiger, derber Massen ausfüllte. Die Stockwerke stellten im Prinzip Gänge dar, deren Verlauf sich in eine Vielzahl von Trümern netzartig verzweigte und verästelte. Die netzartig verzweigten Trümer durchzogen das Gebirge nach allen Richtungen bis sie sich nach außen hin verloren bzw. auskeilten. Die Stockwerke erreichten zum Teil recht beträchtliche Ausdehnungen und waren folglich von hoher Ergiebigkeit. Unter Nestern verstand man üblicherweise kleinere, stockwerkartige Gangerweiterungen. Die Differenzierung zwischen Stockwerken und Nestern ist allerdings recht willkürlich, wobei die Bezeichnung Nest oder Stockwerk einen für die jeweiligen Grubenverhältnisse relativen Größenbegriff darstellt. Hieraus erklärt sich die Tatsache, daß Erznester der Grube Diepenlinchen sowohl von ihrer Ausdehnung als auch von ihrer Ergiebigkeit größer sein konnten als Erzstockwerke im Grubenfeld Breinigerberg. Die relativ späte Wandlung des Stolberger Erzbergbaus zum großtechnischen Abbaubetrieb und auch die unterschiedliche Ausprägung der Lagerstätten (teils massig, teils gangförmig mit verschiedenem Einfallen und stark variirenden Mächtigkeiten) haben dazu geführt, daß sich in Stolberg eine typische, eigenständige Abbaumothode nicht entwickeln konnte. Entsprechend der vorliegenden Gegebenheiten wurden unterschiedliche, der jeweiligen Situation angepaßte Abbauverfahren eingesetzt. Die Eingewinnung der Erzmittel aus Stockwerken und größeren Nestern erfolgte üblicherweise im sogenannten Pfeilerbau. Man verzichtete also auf eine völlige Auserzung und ließ in gewissen Abständen Stützpfeiler stehen, wodurch ein Verstürzen des Hangenden verhindert wurde. Die Aufbereitung des Haufwerks erfolgte nach dem Prinzip der Dichtesortierung (Setzmaschinen und Herde). Sowohl Breinigerberg als auch Diepenlinchen arbeiteten zunächst mit Anlagen, die in den späten 1840er Jahren errichtet worden waren. Diepenlinchen erneuerte 1898/99 seine ursprüngliche Anlage und schuf hiermit eine Kapazität von 100 t Haufwerk pro Tag. Diese neue Anlage lag unmittelbar am Hauptschacht und war dort in zunehmendem Maße auftretenden Bodensenkungen ausgesetzt bzw. auch den steigenden Anforderungen nicht mehr gewachsen. 1907 wurde daher in größerem Abstand zum Hauptschacht eine neue Anlage errichtet, die 257 t Haufwerk pro Tag durchsetzen konnte. Diese Anlage galt damals nicht nur in Deutschland als eine der fortschrittlichsten ihrer Art.
Auf dem ehemaligen Betriebsgelände der Grube Diepenlinchen wurde in den Jahren 1927/28 (also lange nach Aufgabe der Grube) eine Flotations-Anlage mit einer Kapazität von 5t/Stunde errichtet, die zunächst der Nachbehandlung alter, noch sehr erzhaltiger Teich- u. Haldenschlämme diente. 1933 konnte auf diese Weise noch über 4.000 t nutzbares Erzkonzentrat gewonnen werden. Nach 1933 wurde bis 1942 in zunehmendem Maße auch Haldengrobmaterial zerkleinert und verarbeitet. Bezüglich Förderraten und Produktivität stand die Mehrzahl der Stolberger Erzgruben zunächst in außerordentlich guter Entwicklung. Dies galt auch und insbesondere für die beiden Großgruben Breinigerberg und Diepenlinchen. In den 1860er Jahren wurden in beiden Gruben nahezu identische Förderleistungen erreicht, bis sich in den Kriegsjahren 1870/71 der erste größere Einbruch einstellte. Die Grube Breinigerberg mußte, hauptsächlich wegen der zunehmend auftretenden Wasserhaltungsprobleme, aufgegeben werden. Die Erzförderung der Grube Diepenlinchen stieg zunächst noch kontinuierlich an, bis sie 1910 mit über 10.000 Jahrestonnen kulminierte, um dann bis 1918 stetig abzufallen (auf etwa 50% der Höchstfördermenge). Der tiefste Betriebspunkt (Pumpensumpf) lag 1918 bei einer Teufe von 396 m. ![]() Bezüglich des Auftretens von Grubenwässern und deren Gewältigung gestalteten sich die Betriebsverhältnisse mit dem Erreichen größerer Teufen extrem schwierig. Letztendlich waren zum Betrieb der Wasserhaltung zwei Dampfmaschinen mit einer Gesamtleistung von 3200 PS installiert, deren Steinkohleverbrauch die Erzfördermengen (gewichtsbezogen) zeitweise erheblich überstieg. 1919 mußte auch Diepenlinchen als größte und bei weitem wichtigste Erzgrube aufgegeben werden, wobei die Probleme mit der Wasserhaltung ausschlaggebend waren. Die Schließung dieser letzten Grube des Stolberger Raumes wird häufig mit einem Streik der dort tätigen Bergleute in Verbindung gebracht. In der Tat wurde dieser Streik von der Grubenleitung zum Anlaß für die Schließung des Bergwerks genommen, die wahren Gründe jedoch ergaben sich aus den vorliegenden geologischen Gegebenheiten und der starken Wasserführung in den kalkigen Nebengesteinen. Die Aufgabe der Grube Diepenlinchen war für die Unternehmensleitung wohl auch deshalb naheliegend, weil man (insbesondere im Rhein - Lahn - Gebiet) mittlerweile über Bergwerke verfügte, die hinsichtlich ihrer Abbaubedingungen sehr viel weniger kritisch waren.
Die Schließung der Grube Diepenlinchen stellte für die betroffene Region einen dramatischen strukturellen Einschnitt dar. Immerhin lag in Mausbach der Anteil aller Haushalte, bei welchen die Haupternährer in der Grube beschäftigt waren, bei 56 %. Ähnlich hoch waren die entsprechenden Zahlen für Krewinkel (50%), Werth (75%) und Gressenich (41%). Nicht eingerechnet sind hierin die Handwerker und Fuhrleute, die dem Grubenbetrieb seit Jahren zugearbeitet hatten und hierdurch den Hauptteil ihres Lebensunterhaltes bestritten. Betroffen war natürlich auch eine Vielzahl von Familien, deren Haupternährer zwar nicht, wohl aber Söhne und Töchter durch die Aufgabe der Grube arbeitslos wurden. Außerdem gab es eine Reihe von Familien, die mehrfach betroffen waren, weil sowohl Vater als auch Söhne bzw. Töchter ihren Arbeitsplatz verloren. Erschwerend kam hinzu, daß diese Strukturkrise in der allgemeinen Notzeit unmittelbar nach dem Ende des ersten Weltkrieges ausgelöst wurde. Die Schließung von Bergwerken während oder kurz nach Kriegszeiten war übrigens keineswegs eine nur zufällige Koinzidenz. Der durch Kriegswirtschaft bedingte Mangel an dringend benötigten Betriebsstoffen (wie beispielsweise Steinkohle) behinderte sowohl den Betrieb als auch den Ausbau der Gruben. Durch den Mangel an Arbeitskräften (viele Bergleute waren zum Kriegsdienst herangezogen worden) hatte man außerdem während der Kriegsjahre die bereits aufgefahrenen Erzmittel im Raubbau gewinnen müssen.
Messing zur Römerzeit - Obschon römischer Bergbau im Bereich der Stolberger Galmeivorkommen eindeutig nachgewiesen ist, läßt sich nicht mit endgültiger Sicherheit sagen, ob die Römer wirklich den zur Messingherstellung erforderlichen Galmei, oder möglicherweise nur einen anderen Erztyp (z.B. Blei) abgebaut haben. In der Tat wird diese Frage in der einschlägigen Literatur durchaus kontrovers abgehandelt. Die Verschmähung eines gewissen Erztypes zu frühgeschichtlicher Zeit hätte zwangsläufigerweise zu einer Anreicherung der entsprechenden Erzart in den Bergehalden führen müssen, die dann auch Rückschlüsse auf die Nutzungsart zugelassen hätte. Auf Grund der starken Überprägung der Grubenfelder durch Schürf- bzw. Bergbautätigkeiten in nachfolgenden Abbauepochen sind die frühgeschichtlichen Bergehalden, die Aufschluß hätten geben können, jedoch längst verschwunden. Es deutet nun allerdings vieles darauf hin, daß Messingwaren zur damaligen Zeit Gebrauchsgüter gewesen sind, mit welchen man eine gewisse Wertschätzung verband. Sie lassen sich sozusagen dem gehobenen Bedarf zurechnen und gehörten zum Hausrat vorwiegend wohlhabender Familien. Faßt man bei der Diskussion um römisches Messing die völlig unstrittigen Punkte zusammen, so läßt sich zunächst sagen, daß:
Vor diesem Hintergrund muß natürlich auch die Frage erlaubt sein, was die Römer denn eigentlich veranlaßt heben könnte, genau dieses Galmeierz nicht zu nutzen,
Obschon direkte, objektive Beweise nicht vorliegen, die Römer werden aus oben genannten Gründen auch den Galmei metallurgisch genutzt haben, der ihnen entweder beim Schürfen anderer Erze wie ein Geschenk des Himmels in den Schoß fiel, oder den sie möglicherweise sogar als Hauptfördererz abbauten. Im letzteren Fall wären dann nicht mehr Galmei, sondern Eisen- und Bleierze willkommene Nebenprodukte gewesen. Diese eigentlich recht naheliegende Vermutung wird mittlerweile auch durch naturwissenschaftliche Methoden gestützt. Das Rheinische Amt für Bodendenkmalpflege führte unlängst bodenchemische Untersuchungen mit dem Ziel durch, Hinweise auf Messingherstellung und -verarbeitung zu finden (GERLACH und OLBRECHTS 1992). Zunächst korrelierten die gefundenen Blei- und Zinkkonzentrationen nicht nur mit der Lage der an der Tagesoberfläche austretenden Erzgänge (was eigentlich selbstverständlich wäre), sondern auch mit den Lokationen archäologisch nachgewiesener, römischer Gewerbegebiete. Bei der vorliegenden Erzparagenese jedoch wären erhöhte Zinkkonzentrationen in den Verhüttungsbereichen auch dann erklärbar, wenn lediglich Blei verhüttet worden wäre. Sehr viel aufschlußreicher und interessanter ist daher die Verteilung der Kupferkonzentrationen. Auch hier wurden die höchsten Werte in den Bereichen der römischen Gewerbegebiete gefunden, obwohl die Erzlagerstätten bauwürdige Kupfererzvorkommen überhaupt nicht enthalten. Der Kupfergehalt im Boden dürfte also anthropogener Herkunft sein. Und wenn man Kupfer schon zur Galmeilagerstätte transportiert hat, kann das eigentlich nur einen einzigen Zweck gehabt haben: die Komplementierung der zur Messingherstellung erforderlichen Rohstoffbasis. Messing zur Zeit der Kupfermeister
Die Galmeillagerstätten waren auch deswegen ein ganz entscheidender Standortfaktor, weil man, verglichen mit dem eingesetzten Kupfergewicht, zur Messingherstellung die doppelte Galmeimenge benötigte. Dies führte verständlicherweise nicht nur in Stolberg, sondern ganz generell dazu, daß die Messingfabrikation immer an Galmeilagerstätten gebunden war. Die Messingherstellung, das sogenannte Messingbrennen, lief nach dem Prinzip der Reduktion von Galmei ab, wobei die Legierungsbildung durch Zementation erfolgte. Hierzu gab man Kupferstücke sowie Galmei und Holzkohle in feinstgemahlener Form und gut vermischt in mehrere Schmelztiegel, die dann in den Messingöfen auf ca. 1000 C erhitzt wurden. Da für den Reduktionsvorgang Temperaturen benötigt wurden, die weit oberhalb der Siedetemperatur des Zinks lagen, wurde nicht flüssiges Zink, sondern Zinkdämpfe frei. Der dampfförmige Zustand des freiwerdenden Zinks und seine Affinität zu Sauerstoff waren auch Ursache dafür, daß man Zink in seiner metallischen Reinform damals nicht herstellen konnte. Die Anwesenheit des Stückkupfers im Schmelztiegel sorgte beim Messingbrennen nun dafür, daß die reduzierten, dampfförmigen Zinkanteile nutzbar wurden. Sie lösten nämlich die Oberfläche des Stückkupfers an und drangen somit in das noch feste Kupfer von außen nach innen ein (Zementation). Während dieses Zementationsvorganges lag in der außen bereits gebildeten, formstabilen Legierungsschicht ein geringer Anteil Restschmelze vor, die, bei weiterer Einwirkung von Zinkdämpfen, immer tiefer in das feste Kupfer vordringen konnte. Hinsichtlich der außen liegenden Legierungsschicht befand man sich also während der Zementationsphase knapp oberhalb der Soliduslinie. Nach Beendigung der Zementationsphase wurde die fertig gebildete Legierung aufgeschmolzen, damit diese in Formen gegossen werden konnte.
Bezüglich der im Schmelztiegel ablaufenden Vorgänge gab es allerdings zur damaligen Zeit einige Unklarheiten, weil das Zink beim Messingbrennen nicht sichtbar in Erscheinung trat und sich jeglicher Anschauung entzog. Fernerhin stellte sich der Legierungsprozeß als eine Färbung des festen Kupfers dar. Dies alles hat dazu geführt, daß man den Galmei nicht als Zinkerz erkannte, sondern als eine Art Farbstoff betrachtete, welcher dem Kupfer oder eigentlich dem Messing seine schöne, goldgelbe Farbe gab. Dieser Umstand hat dazu beigetragen, daß man in der früher gebräuchlichen Umgangssprache auch das Messing einfach als Kupfer bezeichnete. Wollte man zwischen dem Reinmetall und der Legierung differenzieren, spach man häufig von rotem bzw. von gelbem Kupfer. Bei dem Versuch, das Messingbrennen lediglich als Farbänderung des Kupfers zu deuten, hatte man allerdings eine Schwierigkeit. Die auflegierten Zinkanteile führten nämlich während des Zementationsvorganges zu einer Erhöhung der Gesamtmetallmasse, dem sogenannten Messingzubrand, über den man sich zwar wunderte, den man aber nicht zu erklären vermochte. Obschon das eigentliche Prinzip des Messingbrennens nicht erkannt wurde, war man sich offensichtlich der mit diesem Verfahren verbundenen, stofflichen Veränderung des festen Kupfers bewußt. Dies läßt sich auch aus der Tatsache schließen, daß man den Zementationsprozeß mit dem Begriff Messingbrennen belegte. Brennen nämlich war ein Ausdruck, mit dem man vorzugsweise Vorgänge benannte, die auf eine Änderung von Feststoffen abzielten. Als typisches und ganz charakteristisches Beispiel hierfür kann das Brennen von Kalk gelten, das ganz offenkundig ohne jegliche flüssige Phase vonstatten ging. Da die Fertigprodukte der Kupfermeister durch Kaltverformung (Hämmern, Treiben, Ziehen) aus den gegossenen Messingplatten hergestellt wurden, strebte man eine möglichst gut verformbare Messinglegierung an. Weil nun allerdings selbst geringe Bleianteile das Messing spröde machte, waren zunächst bleiarme Galmeisorten höchst begehrt. Selbstverständlich waren aber auch Bleianteile von Nachteil, die sich im eingesetzten Stückkupfer befanden. Da man also erstens möglichst bleifreie Einsatzstoffe bevorzugte, und die Kupfermeister ihr Stückkupfer zweitens aus ganz Deutschland, teilweise sogar aus dem europäischen Ausland bezogen, ist es als nahezu sicher anzusehen, daß auch Kupfer aus dem Herrstein-Fischbacher Revier an der Oberen Nahe in Stolberg verarbeitet wurde. Dieser Schluß ist deshalb naheliegend, weil das Kupfer aus gerade dieser Lagerstätte sich durch einen besonders hohen Reinheitsgrad auszeichnete und weil Fischbach vergleichsweise einfach zu erreichen war, einfacher jedenfalls als der weit entfernte Mansfelder Raum, aus welchem der Hauptanteil des Stolberger Kupferbedarfs gedeckt wurde. Der Umstand, daß überwiegend Mansfelder Kupfer verarbeitet wurde, erklärt sich hauptsächlich aus der Relation zwischen den Bedarfsmengen und den Lieferkapazitäten der unterschiedlichen Hüttenstandorte. Hinsichtlich Qualität und Eignung jedenfalls war das Fischbacher Kupfer dem Mansfelder eindeutig überlegen. Der Mansfelder Raum allerdings war in der Lage, nahezu beliebige Kupfermengen zu liefern. Zum Beheizen ihrer Messingöfen benötigten die Kupfermeister beträchtliche Mengen Steinkohle, die man vorwiegend aus dem Eschweiler Kohlberg bezog. Um die Mitte des 17. Jahrhunderts beispielsweise sind die Kupfermeister jährlich mit insgesamt 7.500 zweispännigen Karren zu je 40 Ztr. Steinkohle beliefert worden, was einem jährlichen Bezug von 15.000 t. entsprach. Diese für die damalige Zeit gewaltige Abnahmemenge hat nicht nur die frühe Entwicklung des regionalen Steinkohleabbaus günstig beeinflußt, sondern brachte auch den Kupfermeistern entscheidende Vorteile. Bezüglich des Einsatzes von Steinkohle als Wärmeenergieträger bei metallurgischen Prozessen kann das Messingbrennen allerdings als Sonderfall gelten. Die Steinkohle nämlich war zur Verhüttung der weitaus meisten Erze nicht geeignet, weil der in metallurgischen Prozessen eingesetzte Brennstoff nicht nur Wärmeenergie zu liefern hatte, sondern durch seine chemischen Eigenschaften auch als Reduktionsmittel wirken und somit aus möglichst reinem Kohlenstoff bestehen mußte (Bindung der im Erz enthaltenen Sauerstoffanteile). Daher war in den Hochöfen der eisenschaffenden Industrie und in den Reduktionsöfen auch anderer Metallhütten normalerweise die Verwendung von Holzkohle erforderlich, die überwiegend aus Buchenholz geköhlert wurde. Der Einsatz von Steinkohle bzw. eines ihrer Derivate in den Verhüttungsprozessen wurde erst möglich, nachdem man im 19. Jahrhundert die Kohle durch Verkokung von den flüchtigen, öligen und bituminösen Substanzen befreien konnte.
Bei der Messingherstellung lagen nun allerdings die Verhältnisse völlig anders. Bei dem Zementationsverfahren mußte der eingesetzte Brennstoff nicht notwendigerweise gleichzeitig als Reduktionsmittel dienen, sondern es konnten durchaus verschiedene Stoffe entsprechend ihrer Zweckdienlichkeit für den jeweiligen Verwendungszweck herangezogen werden. Dies war deshalb möglich, weil das Messingbrennen in Schmelztiegeln erfolgte, die mit Kupferstücken, Galmeierz und Holzkohle als Reduktionsmittel beschickt wurden, während die Beheizung der Tiegel mit Brennstoffen jedweder Art, also auch mit Steinkohle erfolgen konnte. Der Einsatz von Steinkohle ist für die Kupfermeister von allergrößter Bedeutung gewesen, als die Holzkohle auf Grund des zu ihrer Gewinnung betriebenen exzessiven Holzeinschlages in den umliegenden Wäldern zu Anfang des 18. Jahrhunderts im Stolberger Raum knapp und teuer wurde. Während die im oberen Vichttal ansäßigen Reitmeister bei der Eisengewinnung den gesamten Verhüttungsprozeß mit eben dieser teuren Holzkohle betreiben mußten, konnten die Kupfermeister den gesamten Heizenergiebedarf durch Verwendung der erheblich billigeren Steinkohle abdecken und benötigten nur wenig Holzkohle als Reduktionsmittel für den Zementationsprozeß. Die Entwicklung zur Zeit der Industrialisierung Zu Anfang des 19. Jahrhunderts führte die Entwicklung des Zinkdestillations- Verfahrens zum Niedergang des Kupfermeistergewerbes. Der durch die lokalen Galmeilagerstätten bedingte Standortvorteil war plötzlich nicht mehr relevant, da sich das nunmehr verfügbare metallische Zink, welches zu lediglich ca. 30 % an der Messinglegierung beteiligt war, leicht und einfach an jeden beliebigen Standort transportieren ließ. Dieser neu entwickelte Werkstoff, das metallische Zink nämlich, wurde jedoch nicht nur zur Messingherstellung benötigt, sondern erfreute sich auf Grund seiner außerordentlich guten Korrosionsbeständigkeit zur Herstellung von Eimern, Wannen, Zubern usw. wachsender Nachfrage. Auch im Baugewerbe fand Zink als Bauornamentik, Fassagenverkleidungen sowie Dachrinnen zunehmend Verwendung.
Die Kombination der bereits erwähnten Erzlagerstätten mit den in nächster Nähe gelegenen, bauwürdigen Steinkohleflözen ließ im Norden Stolbergs die erste Industrielandschaft auf deutschem Boden entstehen. Neben den Zink- und Bleihütten siedelten sich auch Glashütten an, die zunächst allesamt ihren Energiebedarf aus den heimischen Kohlezechen (also ohne nennenswerte Transportkosten) decken konnten. Insbesondere die junge Zinkhüttenindustrie fungierte hierbei als Anriebsmotor der regionalen Wirtschaftsentwicklung. Anfänglich bestanden in Stolberg mit
drei Zinkhüttengesellschaften, wobei erstere als Gesellschaft für Bergbau, Blei- und Zinkfabrikation zu Stolberg und spätere Stolberger Zink bis 1967 in der St. Heinrichhütte Münsterbusch die Verhüttung von Zink betrieb. Der zur Deckung des Erzbedarfs erforderliche Tiefenausbau der Erzgruben führte dazu, daß man nach der Auserzung bzw. Durchteufung der Oxydationszone zunehmend sulfidische Primärerze förderte. Die bei der Verhüttung oder besser gesagt bei der Röstung dieser sulfidischen Erze anfallende Schwefelsäure ermöglichte die Entwicklung einer großchemischen Industrie, die sich hauptsächlich auf die Herstellung von Soda spezialisierte. Die Chemische Fabrik Rhenania beispielsweise galt weltweit als größter Hersteller von Leblanc-Soda und war über Jahrzehnte Technologie-Führer auf diesem Sektor. Die Verfügbarkeit von Soda wiederum war eine wichtige Voraussetzung für die rasante Entwicklung der Textil- und Waschmittelindustrie sowie der Glashütten, da letztere Soda in erheblichen Mengen als Flußmittel einsetzen mußten. Während die Kohlevorräte bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts zur Neige gingen, reichten die bauwürdigen heimischen Erzlager noch bis 1919, als mit der Grube Diepenlinchen das letzte und zugleich größte Erzbergwerk im Stolberger Raum aufgegeben werden mußte. Trotzdem ist immer noch eine Vielzahl von Großbetrieben der NE-Industrie in Stolberg ansässig, darunter auch die Bleihütte Binsfeldhammer, welche seit ca. 10 Jahren mit dem hochmodernen, umweltverträglichen QSL-Verfahren arbeitet. Hierbei spielt sicherlich auch das Vorhandensein qualifizierter und hochspezialisierter Betriebsbelegschaften eine gewisse Rolle. Zumindest im Falle der Bleihütte ist die Standortpersistenz u.a. sicherlich auch dadurch zu erklären, daß die Errichtung neuer Anlagen an neuen Standorten in Westeuropa gegenwärtig kaum durchsetztbar wäre. Literatur- und Quellenverzeichnis
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